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Business Breakfast: Bernd Marin für Wohlfahrtsgesellschaft statt Sozialstaat

26.01.2012

Prof. Bernd Marin, Direktor des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, setzte sich beim Business Breakfast von Ecker & Partner mit dem Wohlfahrtsstaat und den damit verbundenen demografischen und ökonomischen Herausforderungen auseinander. Zunehmende Spannungen zwischen produktiven "Erwerbsklassen" und abhängigen "Versorgungsklassen" (Karl Renner) veranlassen Bernd Marin, 70 Jahre nach Beveridge und 140 Jahre nach Bismarck, eine grundlegende Neudefinition des Wohlfahrtstaates zu versuchen.

Marin bekennt sich ganz klar: "Ich stehe für den Sozialstaat, aber nicht für alle seine Fehlentwicklungen in ihrer jetzigen Form." Eines der Hauptprobleme machte Bernd Marin in Anlehnung an Beveridge´"five evil giants" im Müßiggang (Idleness) aus: Eine Gesellschaft, in der ein Großteil von uns den meisten Teil unserer Lebenszeit aus der Erwerbstätigkeit fällt, von Unterstützungen abhängig ist und im Status von "Versorgungsempfängern" verharrt.

Too sick to work?
Marin ortet daher sowohl ein Mentalitätsproblem als auch ein strukturelles Problem: Erwerbslos zu bleiben, bringt oft einen größeren finanziellen Nutzen als wieder in die Berufstätigkeit zu gehen, insbesondere weniger qualifizierte Frauen haben mitunter negative Einkommenselastizitäten. In Österreich gehen 90 % vor dem 65. Lebensjahr in Pension und die Statistik zeigt, dass über 82 % (der ohnedies nur 2 % arbeitslosen) älteren ArbeitnehmerInnen selbst gekündigt haben. Drastisch sind die Zahlen im Vergleich: 1970 verbrachten die Menschen im Durchschnitt 43 Jahre in der Erwerbstätigkeit, 2010 nur mehr 35 Jahre. Zum einen steigt die Lebenserwartung stetig an, die Anzahl an Jahren in der Erwerbstätigkeit sinkt jedoch und weit über eine dreiviertel Million PensionistInnen befänden sich eigentlich im besten Erwerbsalter. Dieses System hat zur Folge, dass "jede 3. Pension durch Beiträge nicht mehr gedeckt ist", erklärte Marin. Die Zahlen in Österreich sprechen eine eindeutige Sprache: 75 bis 80 % aller vorzeitigen Pensionsanträge sind auf eine Invaliditätspension gerichtet. Ein Umdenken in den Köpfen ist daher gefragt, denn alt ist nicht gleich alt. In einem Staat wie Österreich oder der Schweiz ist die Lebenswelt eines 60-Jährigen im 21. Jahrhundert gänzlich anders als noch die vor 50 Jahren - oder heute in der Ukraine oder in Moldawien.

Forderung für die Zukunft
"Als tragfähiges und nachhaltiges Zukunftsmodell befürworte ich eine Wohlfahrtsgesellschaft anstatt eines Sozialstaates, in der die Menschen sich auch der Verantwortung für sich selber bewusst sind; ihr Leben proaktiv gestalten und der Staat als Koordinator und Regulator der von 5 Sektoren erbrachten Wohlfahrtsleistungen, Transfers und Services tätig ist", führte Marin aus.
Frauen bekommen in dem derzeitigen System kaum die Hälfte der monatlichen  Pensionsleistungen von Männern, Marin fordert die raschest mögliche Gleichstellung beim gesetzlichen Pensionsalter zwischen Mann und Frau und damit einhergehend auch eine Angleichung der Pension. Um das derzeit existierende Modell weiter finanzieren zu können, muss das gesetzliche Pensionsalter bis 2025 gar nicht angehoben (nur das faktische an das gesetzliche herangeführt) werden, zwischen 2025 und 2050 aber auf 68 bis 70 Jahre angehoben werden.
Marin verwies auf best practice Beispiele, wie zum Beispiel das System der Beitragskonten auf Umlagebasis wie in Schweden, an denen man sich orientieren kann. Das schwedische Modell gibt Leistungsanreize, das österreichische System belohnt hingegen jene, die frühzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden.

Der spannenden Diskussion im Anschluss folgten u.a. Christian Gutlederer (Österreichische Nationalbank), Thomas Heimhofer (BAWAG PSK), Alfred Hudler (Vöslauer),Christoph Ronge (Wiener Stadtwerke Holding AG), Josef Wöss (AK Wien) und Romy Faisst (Business Circle).

Rückfragen:
Mag.ª Nicole Bäck-Knapp, MSc
Geschäftsführerin
Ecker & Partner Öffentlichkeitsarbeit und Public Affairs Gmbh
Tel: +43 1 59932-47
Mobil +43 69915909094
E-Mail

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Illustrationen: Rudi Klein

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